Peter Voß
Die Sprengbomben der Klasse D.P.
(Deep Penetration)
1969 adelte Großbritanniens Königin Elizabeth II. den Wissenschaftler Prof. Dr. Barnes Neville Wallis für seine Verdienste um die Luftfahrt des Inselreiches mit dem Titel »Sir«. Obwohl ursprünglich als Marineingenieur und Flugzeugkonstrukteur eingestellt -der Langstreckenbomber Wellington entstand nach seinen Plänen-, beschäftigte Wallis sich auch mit der Entwicklung der Bombenwaffe. In den frühen dreißiger Jahren, lange vor dem II. Weltkrieg, wies Wallis in einer Untersuchung nach, wo das deutsche Reich am schwersten zu treffen sei, und hatte eine lange Liste kriegswichtiger Ziele vorbereitet: Rüstungszentren, Bergbau, Ölraffinerien, Werften, Kraftwerke und Staudämme. Wallis forderte den Bau von Großbomben, um in einem künftigen Kriege die Achsenmächte Deutschland und Italien entscheidend zu schwächen.
Das britische Militär war zunächst von der Nützlichkeit so großer Kaliber gar nicht überzeugt, aber Wallis setzte sich durch und konstruierte, überzeugt von seiner Schockwellentheorie, die Großladungsbomben »Tallboy« und »Grand Slam«. Diese etwa 5 t und 10 t schweren Bomben wurden gegen Ende des Krieges gegen die Startrampen der deutschen V-Waffen, gegen U-Boot-Bunker, Tunnelbauten und Eisen-bahnviadukte eingesetzt. Mit der Versenkung des größten deutschen Schlachtschiffes »Tirpitz« gelang der britischen Marine am 12. November 1944 ihr größter Erfolg. Zwei der 28 abgeworfenen »Tallboys« trafen die »Tirpitz« entscheidend und zerstörten das Schiff.
Anhand der um 1930 veröffentlichten Statik und Bauweise des Möhne-Staudammes errechnete Wallis einen Bedarf von 3 t Torpex unter der Bedingung, daß die Bombe im Augenblick ihrer Detonation direkten Kontakt zum Dammfuß hatte. Das war mit einem Angriff aus der Luft aber nicht möglich, weil die Präzision der englischen Bombenvisiere -wie die der deutschen- weit davon entfernt war, Punktziele treffen zu können.
Die britische Literatur beschreibt als die gewünschte Wirkung dieser Bomben »to give deep penetration of the earth and to produce heavy shock waves as a result of the explosion«. Nicht der Durchschlag schwer befestigter Ziele also ist mit dieser Bombe beabsichtigt, sondern die Detonation einer gewaltigen Sprengstoffmenge in großer Tiefe oder, nach dem Durchschlag der Decken vielgeschossiger Wohnbauten und Industrieanlagen, dann innerhalb der Mauern diese zu zersprengen. Entferntere Gebäude brachte die Erdstoßwelle (shock wave) durch bloße Erschütterung der Fundamente zum Einsturz.
Diese Großbomben durchschlugen selbst die bis dahin als unzerstörbar geltenden U-Boot-Bunker in Brest. Es war also nicht notwendig, die AP- und SAP-Bomben zu vergrößern und auf diese Ziele zu adaptieren. Die DP-Bomben setzen den Schlußpunkt in der Entwicklung der konventionellen Großladungsbomben des zweiten Weltkrieges. Nach den ersten Abwürfen hatte man ihnen mit dem gebührenden Respekt den Namen »Erdbebenbomben« verliehen, denn genau diese Wirkung war beabsichtigt.
Die beiden Modelle DP 12000 LB »Tallboy« und 22000 LB »Grand Slam« sind bauartlich identisch und unterscheiden sich nur in ihren Abmessungen und der Sprengstoffmenge. Neu ist bei beiden ein zusätzlicher Ring zwischen Leitwerk und Bombenkörper, mit dem eine Stromlinienform erzielt wird.
Beide Bomben sind mit drei Heckaufschlagzündern No. 58 Mk I bestückt, der keine besonderen technischen Neuheiten bietet. Das aufgebohrte Gehäuse des Heckauf-schlagzünders No. 30 erhielt in seinem hinteren Leerraum ein mit vier Schrauben befestigtes Füllstück, in das ein längerer und schwererer Schlagbolzen eingesetzt wurde.
Der Schlagbolzen ragt hinten einige Millimeter aus dem Füllstück und ist mit dem üblichen Kreuz aus Kupferblech gesichert: Insgesamt ein primitiver Mechanismus nach Art der Stabbrandbombe. Hinten schließt das Gehäuse mit einem gebördelten Schwarz-blechdeckel ab. Die drei Zünder sind als gleichschenkliges Dreieck zueinander in den Bombenboden geschraubt.
Die Hauptladung beider Bomben ist Torpex D1, ein nicht phlegmatisierter Sprengstoff für Bomben- und Torpedofüllungen mit der Detonationsgeschwindigkeit 7600 m/s.
Die Analyse des Blindgängers in Brest ergab ein Mischungsverhältnis von 41 % Hexogen, 41 % Trinitrotoluol und 18 % Aluminiumpulver, das vielen Sprengstoffen zur Erhöhung des Gasschlags beigegeben wird. Torpex 2 enthält 1% Wachszusatz.
DP 12000 lb. Mk I:
Mit seinem britischen Spitznamen »TALLBOY« (großer Schrank) ist wohl eher die Größe des Körpers als seine Wirkung gemeint. Als US-Anfertigung hieß dieser Tallboy schlicht GP 12000 lb. M 109.
Obwohl den deutschen Sprengkommandos zwei Blindgänger der britischen DP 12000 LB (in Brest und in Kembs) mit unterschiedlichen Abmessungen in die Hände gefallen waren, nennt die Literatur doch nur das Modell Mk I. Der Blindgänger von Brest besaß eine eingeschraubte Stahlspitze, der von Kembs eine mit dem Körper gegossene.
Aus einer Höhe von etwa 6000 m und mit der Abwurfgeschwindigkeit von 320 km/h entwickelt der Tallboy mit seinem Gewicht von 5391 kg eine Fallgeschwindigkeit von 300 m/s. Der gegossene Bombenkörper ist mit einer eingeschraubten Stahlspitze verstärkt, der gegen starke Befestigungen eine bessere Durchschlagsleistung erzielt. In dem mit 21 Schrauben befestigten Bombenboden befinden sich drei um 120° zueinander stehende Gewindelöcher für die Aufnahme der Zünderbuchsen und ihrer Adapter. Für den Transport sind die Gewindelöcher gegen Feuchtigkeit versiegelt, denn alle Übertragungsladungen sind werkseitig eingesetzt. Unter dem 6,5 cm dicken Bombenboden befindet sich eine Sperrholzplatte, darunter wieder eine 10 cm dicke Füllung aus Sägemehl. Das Sägemehl liegt auf einer 2,5 cm dicken aufgeschmolzenen oder gepreßten Lage Trinitrotoluol, an die sich in direktem Kontakt die Hauptladung Torpex D1 anschließt. Der Bombenboden preßt das Material beim Anziehen der Schrauben zusammen, wobei die Sägemehlschicht einen weichen Puffer bildet.
In den kleinen Übertragungsladungen aus Tetryl stecken Detonatoren, die von den drei Zündern No. 58 Mk I festgelegt sind, mit einer Verzögerung bis zu 60 Minuten. Alle drei großen und kleinen Übertragungsladungen ergeben ein Gesamtgewicht an Sprengstoff von immerhin fast 40 kg. Die großen Übertragungsladungen stecken in einem Rohr aus Fiberstoff.
Das Leitwerk No. 78 Mk I ist aus leichtem Aluminium hergestellt und innen mit Streben versteift. Es besitzt eine nach hinten konisch zulaufende Form, die in der Mitte angesetzten vier Stabilisierungsflossen sind um 5° aus der Mittelachse verdreht. Sie verleihen der Bombe während des Fallens einen Rechtsdrall mit einer Drehzahl von 186,5 U/km.
Zwölf Spannschlosse (Simmonds nuts) befestigen mit dem Verkleidungsring das Leit-werk sicher am Bombenkörper. Die Monteure greifen durch drei Handlöcher in das Leitwerk hinein und können so das Leitwerk festschrauben, die Zünder einsetzen und deren Entsicherungsdrähte herausführen.
Für den Abwurf ist die Bombe mit einem speziell konstruierten Vickers-Bombenschloß gerüstet, das elektrisch oder mit der Hand gelöst wird. Während des Transportes in der umgebauten Lancaster-Maschine ruht die Bombe in der Standardbefestigung.
Technische Daten:
Farbanstrich Dunkelgrün,ein rotes Farbband an der Spitze
Gesamtlänge 60400 mm
Gesamtgewicht 10160,6 kg
Sprengladung 4198,8 kg Torpex D1
Æ des Bombenkörpers 965 mm
Länge des Bombenkörpers 3148 mm
Wanddicke am Heck 31 mm
Wanddicke an der Spitze 124 mm
Länge des Leitwerkes 3350 mm No. 82 Mk I
Æ des Leitwerkes 1065 mm, über die Stabilisierungsflossen gemessen
DP 22000 LB:
Die DP 22000 LB ist eine vergrößerte 12000 LB, deren Bombenkörper aus fünf miteinander verschweißten Teilen besteht. Die Spitze und das Heck sind aus Stahl geschmiedet, die drei mittleren Ringe aus gewalzten Blechen mit Schweißnähten in Längsrichtung. Zum Verbinden der fünf Ringe wurden diese in eine Form gesetzt und genau eingepaßt. In den Bombenboden sind drei Heckaufschlagzünder No. 58 Mk I wie bei DP 12000 eingebaut.
Die Bombe ist für die Abwurfhöhe 16000 ft (4877 m) bei einer Fluggeschwindigkeit 200 m.p.h. (320 km/Stunde) konstruiert. Im freien Fall werden 1097 ft./sec. Fallgeschwindig-keit erreicht, das sind etwa 300 m/s. Die um 5° schräg angesetzten Stabilisierungs-flossen erzwingen bei dieser Fallgeschwindigkeit einen Drall von 60 r.p.m. (37 U/km).
Bis zum Ende des 2. Weltkrieges ist dies die größte abgeworfene konventionelle Bombe. Der erste Abwurf erfolgte am 14. März 1945 auf den Viadukt von Bielefeld (siehe auch Karl Pawlas’ Waffenrevue 25). Eine in den USA geplante Sprengbombe GP 44.000 lb -immerhin eine Last von 20.000 kg mit einem Sprengstoffanteil 8400 kg- war nicht rechtzeitig fertiggeworden, so daß die Bevölkerung Europas wenigstens hiervon verschont blieb.
Den Riesenbomben war kein dauerhafter Erfolg beschieden. Die Entwicklungs- und Produktionskosten stand in einem schlechten wirtschaftlichen Verhältnis zur Wirkung, und die Standardbomben erzeugten bei großflächigem Einsatz eine erheblich bessere Wirkung.
Technische Daten:
Farbanstrich Dunkelgrün, ein rotes Farbband an der Spitze
Gesamtlänge 7747 mm
Gesamtgewicht 10160,6 kg
Sprengladung 4198,8 kg Torpex D1
Æ des Bombenkörpers 1168 mm
Länge des Bombenkörpers 3810 mm
Wanddicke am Heck 45 mm
Wanddicke an der Spitze 197 mm
Länge des Leitwerkes 4064 mm No. 82 Mk I
Æ des Leitwerkes 1320 mm, über die Stabilisierungsflossen gemessen
